Chapter 8
Smells.
06.11.2026
Diese nie endenden Gerüche hier in China begleiten uns. Egal wohin wir fahren, es riecht nach deftigem Essen, Abfall und allerhand Dingen, die ich wohl niemals so richtig zuordnen können werde. Die intensiven Competition-Tage haben ihr Ende gefunden. Na ja ... vielleicht nicht ganz ... Wo wir schon einmal den halben Globus umrundet haben, kann man vor dem letzten Stopp unserer Tour in China ja noch ein Battle mitnehmen. Also hatten wir am Montag die Koffer in aller Früh gepackt und uns auf den Weg nach Jinan begeben - die Hauptstadt einer Provinz, die mir einfach nicht mehr einfallen will. (Ist auch wirklich schwierig für meine sächsische Zunge.) Also quasi wie das Dresden von Sachsen. Nur ein klein wenig größer. Minimal. Nach nur 1,5 Stunden Zugfahrt mit strengeren Kontrollen als an irgendeinem mir bekannten Flughafen dieser Welt, kamen wir dann auch schon an. Spitzengeschwindigkeit irgendwas um die 400 Kilometer pro Stunde. Fühlt sich aber auch nicht schneller an, als irgendein ICE in Deutschland, außer dass hier natürlich alles pünktlich verläuft. Angelangt wieder einmal in einer der größten Skylines dieser Welt, inmitten eines Theaters, welches das Staatsschauspiel und die Semperoper in Dresden ein wenig zärtlich daneben wirken lässt. Superbreak China 2026! Keine Zuschauer, nur Tänzer, DJ und ein Moderator. Kurz und knapp. 3 gegen 3. Zwei Teams gehen von uns an den Start. Eines kämpft um den Einzug in die TOP 8. Chris, Paul und Rossi versuchen in einem 3er Battle (bedeutet 3 Teams battlen gleichzeitig) alles noch einmal zu geben. Nach den letzten 6 Breaking Tagen eine wirkliche Herausforderung. Ein Tänzer übertreibt es ein wenig arg mit dem Trash-Talk und das Battle wird sehr hitzig. Aber umso lustiger aus Zuschauerperspektive. Ich habe nämlich heute entschieden einen Tag Pause zu machen und meine Jungs nur anzufeuern und zu unterstützen. Für Paul wird es dann doch ein wenig zu viel, nachdem der Kollege nicht bloß mit Gesten um sich wirft, sondern auch noch in Rossis Nummer reinspringt. Wenn sich Gemüter erhitzen, brauchen sie ein wenig Zeit zum abkühlen.
Obwohl Rossi und Chris schon nach dem Battle lachen können, braucht Paul noch eine kleines Weilchen. Jedes Battle ist einzigartig und irgendwie immer neu….so viel habe ich gelernt nach 25 Jahren Breaking (und so fühlt sich mein Körper auch an). Nach dem Battle geht es noch einmal in eine (Na wer errät es?) riesige Mall, um schnell etwas zu essen. Rein in den Food Court und diese Mal fanden wir eine klassische Burger Bude, ganz nach dem amerikanischen Vorbild. Eine kleine Wohltat und willkommene Abwechslung zur chinesischen Küche. Schnell zum Bahnhof (was auch immer schnell bedeutet, mit all den Sicherheitskontrollen) und dann geht es weiter zu unserer letzten Stadt auf unserer Tour: QINGDAO!
Nach knapp 3 Stunden Weiterfahrt kamen wir kurz vor Mitternacht endlich an. Eingecheckt in unsere Unterkunft und dann noch schnell einmal einen Spätshop ausfindig gemacht, um kleine Snacks und Getränke zu holen. Müde waren alle, aber es ist schon hart, zu viert in einen so kleinen Zimmer mit nur zwei Betten unterzukommen. Vor allem nach dem wir den Luxus von unserem Hotel bei der Bomb Jam gewohnt waren. Die Dusche besteht gleichzeitig auch aus dem Klo (man kann beim Pinkeln duschen - abgefahren) und in dem Zimmer ist es ein kleines und ganz eigenes Kunstprojekt, mit all den Koffern und Rucksäcke, überhaupt ins Bett zu gelangen. Wenn unser lieber Kelox uns sehen würde, wäre ein neues Tanzprojekt seiner Kompanie Miller de Nobili geboren. Das erste Mal ins Bett gesprungen, ist dann aber auch schon das letzte Mal. Die Matratzen sind dermaßen hart, dass die ernsthafte Überlegung meinerseits aufkommt, direkt auf dem Boden zu nächtigen. Aber auch dafür ist kein Platz. Verdammt! Den ersten Tag in Qingdao verbringen wir dann auf der Suche nach Kaffee und einem leckeren Frühstück, was sich inmitten von mindestens 30-stöckigen Hochhäusern, wieder einmal schwieriger gestaltet als angenommen. Dafür aber eine erste kleine Sight Seeing Tour. Inmitten der riesigen Plattenbauten finden wir ein altes Segelschiff, ganz im Fluch der Karibik Style. Auch nicht schlecht, scheint ein Hotel oder Museum zu sein. Leider geschlossen und auch kein maritimes Frühstücksangebot. Die Architektur in diesen riesigen Metropolen ist und bleibt einfach faszinierend. Aufgeräumt, ordentlich und viel Natur mitten drin, erweckt sich langsam bei mir der Eindruck, dass diese riesigen Plattenbauten eher für Menschen mit mehr Geld und Status vorgesehen sind, als andersrum bei uns in Deutschland. Den Rest das Tages hängen wir dann in Leerocks Studio ab. Training, Austausch und wieder einmal ein herzlicher Empfang, der uns zutiefst dankbar werden lässt. Fotos von uns sind ausgedruckt und an den Wänden verteilt. Wir machen Bilder mit all den Tänzern und Studenten und sind nach wieder einmal einem langen Tag geschafft. Ich bin müde, müde vom täglichen Tanzen, müde von der Musik, müde von der Bewegung und den vielen Eindrücken. Mein Geist und Körper sehnt sich langsam nach einer Auszeit und Abstand von dem, was ich so sehr liebe. Aber das wird wohl noch ein wenig warten müssen. Nach einem gemütlichen Abendbrot (wie immer deftig und fettig), geht ein Teil von uns wieder zurück zum zweiten Training an diesem Tag. Ich begebe mich mit einem kleineren Teil (ich hoffe, denen geht es auch ähnlich wie mir) zurück zu unserer Unterkunft, wo wir uns duschen und einfach ins Bett legen. Animes gucken, Filme anschauen, kleine Games zocken und gemütlich lesen bringt den Geist dann langsam ein wenig runter. Unser 4er Zimmer wird leiser….das Licht wird weniger….und die Augen fallen langsam zu. Ich freue mich schon morgen auf eine kalte Dusche (denn hier ist sie endlich auch wieder wirklich kalt) und auf unseren ersten Ausflug hier. Es soll so etwas sein wie die sächsische Schweiz. Ich bin sehr gespannt und schließe hoffnungsvoll meine Augen und lasse mich ein wenig in die Heimat treiben. Natürlich nicht ohne alle die Gerüche wahrzunehmen, die durch unser offenes Fenster so langsam hineingleiten. Ob ich mich daran noch gewöhne? Ich weiß es nicht.